Behutsame Annäherung: Messianische Juden erstmals Thema auf dem Kirchentag

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Von: Rolf Krüger

Für den Kirchentag war heute ein denkwürdiger Tag – und das wegen einer eher unscheinbaren Veranstaltung. Aber im Mozartsaal der Liederhalle Stuttgart wurde über ein Thema gesprochen, das bisher zu den No-Go-Themen des Kirchentags gehörte: Messianische Juden.

Es war dem Gastgeber Stuttgart geschuldet, so die einhellige Analyse des Podiums, dass jesusgläubige Juden erstmals auf einem Kirchentag Gehör fanden. In den letzten Jahren entwickelte es sich zur Folklore konservativer Medien, im Vorfeld des Kirchentags den Ausschluss messianischer Juden vom Markt der Möglichkeiten anzuprangern. Auf der anderen Seite rezitierte die Kirchentagsleitung beharrlich ihr „Nein“ zur Judenmission aus dem Jahr 1999. Es ging dabei eigentlich gar nicht um messianische Juden, erklärte Wolfgang Kruse vom Kirchentagsorganisationsteam. Aus der Geschichte von Ausgrenzung und theologischer Gewalt gegen Juden und nicht zuletzt aus der Erfahrung des Holocaust heraus ergäbe sich ein völlig neues, grundlegendes Verständnis von der Mission gegenüber Juden, ergänzte der Hannoverische Landesbischof Ralf Meister.

Aber in Baden-Württemberg sei das Verhältnis zwischen messianisch-jüdischen Gemeinden und judenmissionarischen Gruppen nicht geklärt, so Kruse. Das führe bis hin zu personellen Verbindungen. Deswegen habe sich der Kirchentag entschlossen, das Thema als ersten Schritt theologisch anzugehen.

Zunächst war mit einem Missverständnis aufzuräumen: Die Messianischen Juden haben keine direkte Verbindung zu den Judenchristen der frühen Kirche. Sie sind eine relativ junge Bewegung, die im frühen 19. Jahrhundert vornehmlich in England und den USA entstand. Die heutigen europäischen messianischen Juden stammen vor allem aus Osteuropa. Es sind Juden, die in Jesus den Messias sehen, aber bewusst Juden bleiben wollen. Ihr Grad am Ausleben jüdischer Kultur ist sehr unterschiedlich – von strenger Toratreue bis hin zu liberalen Juden, die nicht koscher essen oder sich beschneiden lassen. Die deutschen messianischen Juden stehen der evangelikalen Theologie nahe.

In einem Impulsreferat bezeichnete der messianisch-jüdische Theologe Dr. Richard Harvey die messianischen Juden als das bisher fehlende Bindeglied zwischen Judentum und Christenheit. Er betonte, dass der Bund Gottes mit Israel unwiderrufen sei und damit seine volle Gültigkeit habe. Als die Wege von Christen und Juden sich teilten, wurde die Wahrheit geteilt, so Harvey. Wie die Kinder eines geschiedenen Ehepaares gehörten die Messianischen Juden aber zu beiden.

Er warb angesichts einer langen Geschichte von Verfolgung und Ausgrenzung um Verständnis für die Zurückhaltung von jesusgläubigen Juden einfach zum Christentum überzutreten. „Ihr könnt nicht die Opfer einer Trennung beschuldigen, die euer Werk ist“, so der Theologe. Aber er habe eine Theologie der Hoffnung: Gott ist noch nicht fertig mit seiner Schöpfung, so Harvey. Am Ende stünden Transformation und Versöhnung.

Für Harvey kann und muss messianisches Judentum ohne Mission auskommen, weil sie sonst den immer noch gültigen Bund Gottes mit Israel verleugnen würden. Der jüdische Lebensentwurf gründet in der Torah und den jüdischen Traditionen. Vielmehr müsse der bilaterale Aufbau der Kirche – bestehend aus Christen und jesusgläubigen Juden – betont werden. Messianische Juden leben jüdischen Kultus aus Treue zu Gottes Bund heraus und nicht, um Juden besser missionieren zu können. Sie lebten damit ständig in einer Spannung, die es auszuhalten gelte.

Am Ende war sich das Podium einig, dass diese Veranstaltung lediglich der erste Schritt war. Harvey bekannte, dass messianische Juden eine Herausforderung seien und bat um Gnade und Geduld. Im Himmel würden Juden und Christen einst vereint sein im Lob Gottes. Und Landesbischof Meister betonte, Aufgabe der Kirche sei, ihr Verständnis von Mission im Licht des mühsam erarbeiteten neuen Verhältnisses zum Judentum grundlegend neu zu definieren.

(Quelle:jesus.de)

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