UN: Eine alte Charta und neue Herausforderungen

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Quelle: Der Standard

Vor 70 Jahren wurden die Vereinten Nationen auf den monströsen Erfahrungen des Zweiten Weltkrieges gegründet. Die Uno hat seither viel geleistet. In Zukunft wird noch mehr von ihr verlangt werden

Lange bevor ich Generalsekretär wurde, nahmen die Vereinten Nationen einen besonderen Platz in meinem Leben ein. Ich war sechs Jahre alt, als der Koreakrieg ausbrach. Ich erinnere mich daran, wie mein Dorf in Flammen stand und meine Familie Zuflucht in den nahen Bergen suchte. Aber eine andere Erinnerung ist noch dauerhafter: die Uno-Flagge. Wir wurden von den Hilfsoperationen der Uno vor dem Hunger gerettet; wir erhielten Bücher von der Unesco; und wenn wir uns fragten, ob die Welt an unserem Leid Anteil nimmt, opferten Truppen vieler Nationen ihr Leben, um Frieden und Sicherheit wiederherzustellen.

Ich weiß aus meiner Kindheit und aus Jahrzehnten des öffentlichen Dienstes, dass die Uno Großes bewirken kann. Jetzt, da wir den Jahrestag der Annahme der Charta zur Gründung der Organisation am 26. Juni 1945 in San Francisco begehen, hoffe ich, dass die menschliche Familie zusammenkommt, um entschlossener für eine sicherere und nachhaltigere Zukunft für „uns Völker“, in deren Namen die Charta geschrieben wurde, zu arbeiten.

Zum 70. Jahrestag können die Vereinten Nationen auf eine stolze Bilanz der Zusammenarbeit mit vielen Partnern beim Abbau des Kolonialismus, beim Triumph über die Apartheid, bei der Friedenserhaltung in gefährdeten Regionen und bei der Verfassung von Verträgen und Gesetzen für den Schutz der Menschenrechte zurückblicken. Jeden Tag versorgen die Vereinten Nationen Hungernde, stellen Flüchtlingsunterkünfte zur Verfügung und impfen Kinder. Unsere Helfer begeben sich in entlegene und gefährliche Umgebungen, um humanitäre Hilfe zu leisten, und unsere Vermittler bemühen sich, eine gemeinsame Basis zwischen Konfliktparteien und friedliche Lösungen in Auseinandersetzungen zu finden. Die Vereinten Nationen wurden gegründet, um einen weiteren Weltkrieg zu verhindern, und sie waren darin erfolgreich; trotz schwerer Rückschläge wären die vergangenen sieben Jahrzehnte ohne die Uno noch blutiger gewesen.

Dennoch ist uns bewusst, dass die heutige Welt durch Konflikte, Ausbeutung und Verzweiflung Narben abbekommen hat. Mindestens 59,5 Millionen Menschen mussten aus ihrer Heimat fliehen – mehr als je zuvor seit dem Zweiten Weltkrieg. Gewalt gegen Frauen ist eine Fäulnis in jeder Gesellschaft. In einer Zeit dringender humanitärer Bedürfnisse werden enorme Summen für Atomwaffen und andere destabilisierende Militärarsenale ausgegeben. Die Konsequenzen des Klimawandels werden immer offensichtlicher – und haben erst begonnen. Und obwohl die Welt nach dem Holocaust und auch nach den Genoziden in Ruanda und Srebrenica „Niemals wieder“ sagte, sind wir weiter- hin Zeugen abscheulicher Verbrechen durch Extremisten und andere.

Seit Vertreter von 50 Nationen zusammenkamen, um die Charta zu schreiben, sind neue Mächte entstanden, und die Uno-Mitglieder wuchsen auf 193. Globalisierung, Urbanisierung, Migration, demografische Veränderungen, technologische Fortschritte erneuern unsere Gesellschaften und transformieren internationale Beziehungen. Dennoch bleiben die Vision der Charta für einen Weltfrieden und die im Text verankerten Werte – Würde, Gleichberechtigung, Toleranz und Freiheit – Prüfsteine für Menschen überall.

Der 70. Jahrestag fällt in ein Jahr potenziell bedeutungsschwerer Entscheidungen über unsere gemeinsame Zukunft. Die Mitglieder gestalten, wir wir hoffen, eine inspirierende neue nachhaltige Entwicklungsagenda und bewegen sich in Richtung eines sinnvollen Klimawandel-Übereinkommens. Unser Ziel ist Transformation: Wir sind die erste Generation, die die Armut auf der Erde beseitigen kann – und die letzte, die die schlimmsten Auswirkungen einer wärmer werdenden Welt verhindern kann.

Mit unseren immer verflochteneren Schicksalen muss unsere Zukunft die einer vertieften Zusammenarbeit sein – Nationen, vereint durch den Geist der globalen Gesellschaft, die das Versprechen des Namens der Organisation erfüllen. (Ban Ki-moon, 26.6.2015)

Ban Ki-moon (71) ist Südkoreaner und seit 2007 UN-Generalsekretär.

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