Wo das Bundesheer unter dem Wienerwald lauscht

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Quelle: Der Standard

Nahe Neulengbach befindet sich eine Abhörstation des Bundesheers. Anrainer berichten über zehn unterirdische Stockwerke. Ein Lokalaugenschein.

Eine unscheinbare Abfahrt führt auf den kleinen Hügel im Wienerwald. Wochenendhäuser säumen den Weg, dazwischen blühen Wiesen in bunten Farben. Ein idyllischer Ort, wären da nicht die riesigen weißen Masten, die durch eine Vielzahl von Schleifen miteinander verbunden sind. Ein bizarres Objekt in der naturbelassenen Landschaft, das an ein Spinnennetz erinnert.

Fotografieren streng verboten

Wer sich der Anlage über die Zufahrtsstraße nähert, um mehr über die ominösen Masten zu erfahren, stößt bald auf angsteinflößende Warnschilder: Das Betreten des eingezäunten Gebiets sei strengstens verboten, scharfe Munition würde bei Eindringlingen zum Einsatz kommen. Fotografieren oder das Anfertigen von Zeichnungen sei streng verboten. Eine Videokamera registriert jeden Neugierigen, hinter dem Zaun ist ein Hundezwinger samt zähnefletschendem Rottweiler.

Abschottung

Die Geheimniskrämerei überrascht nicht: Bei der Anlage am Kohlreithberg nahe Neulengbach handelt es sich um einen Lauschposten des Heeresnachrichtenamts (HNaA), das für das Bundesheer Auslandsaufklärung betreibt. Doch dass das Bundesheer hier spioniert, hat sich schon lange herumgesprochen. Prominenter als „Neulengbach“ (die Anlage liegt geografisch eigentlich in Maria-Anzbach) ist nur die Königswarte nahe Hainburg. Während Wanderer die Satellitenschüsseln dort sogar über einen Aufsichtsturm, der unmittelbar neben dem Objekt liegt, unter die Lupe nehmen können, stehen die Zeichen in Neulengbach auf Abschottung. Dabei halten sich Gerüchte, dass besonders in Neulengbach elektronische Aufklärung betrieben wird.

Gerüchte über Internetüberwachung

Schon 2003 schrieb der Kurier- und ORF-Journalist Kurt Tozzer über die Station Neulengbach: „Es gilt zwar als streng geheim, doch sickerte durch, dass die Fernmeldeaufklärer über Geräte verfügen sollen, mit denen man aus den internationalen Richtfunkstrecken der Telefonnetze Nachrichten auffangen kann. Und zwar nicht nur Telefongespräche, sondern auch Daten des E-Mail-Verkehrs.“

Neue Brisanz

Zehn Jahre später erhielten diese Spekulationen durch die Snowden-Enthüllungen neue Brisanz. Noch immer ist nicht geklärt, wie eng das österreichische Bundesheer mit der NSA kooperiert. Fakt ist, dass die US-Dienste Österreich Informationen bei Auslandseinsätzen österreichischer Soldaten liefern. Was im Gegenzug Richtung USA wandert, wissen nicht einmal Nationalratsabgeordnete.

Neulengbach dürfte einer der Schlüsselorte für diese Frage sein. Der Aufdecker Duncan Campbell, der für das EU-Parlament Ende der 1990er-Jahre über das globale US-Spionagenetz Echelon recherchierte, reagiert auf die Frage nach der Königswarte mit Verwunderung: „In Neulengbach passiert der Großteil. Dort muss man nachsehen.“

„Zehn Stockwerke tief“

Seit 1976 gilt der Kohlreithberg per Verordnung alsSperrgebiet. Ein Anrainer, der in unmittelbarer Nähe zum Objekt wohnt, habe damals mehrfach nach Sinn und Zweck dieser Anlage gefragt. „Mir wurde gesagt, dass das Heer hier Taxilenker in Bratislava abhören kann“, erzählt der Anwohner. Tatsächlich belegen Dokumente, dass Neulengbach gemeinsam mit der Königswarte und Stationen in Oberösterreich und Salzburg Teil einer Nato-Peilkette war, die von Norddeutschland bis Italien gen Osten lauschte.

Dieses Aufgabengebiet dürfte sich nach dem Lüften des Eisernen Vorhangs geändert haben. Die erkennbare Antenneninstallation liefert aber keine Anhaltspunkte: Vom STANDARD befragte Experten erkennen darin eine Vorrichtung für militärische Funksprüche. Zivile Kommunikation dürfte damit nicht abgehört werden.

„Rege Bau- und Grabungstätigkeiten“

Doch das wahre Mysterium dürfte sich unter der Erde befinden. „Vor rund 30 Jahren begannen rege Bau- und Grabungstätigkeiten“, berichtet der erwähnte Anrainer weiter. Während auf der Oberfläche ein Haus in der Größe eines Bauernhofs steht, geht es nach unten „mindestens zehn Stockwerke in die Tiefe.“

Im Ort hat man sich mittlerweile an die ominöse Nachbarschaft gewöhnt. Der grüne Gemeinderat Lothar Rehse berichtet, dass über das Objekt nicht gesprochen wird: Frage man nach dem Bundesheerposten, „steht in den Augen dieses typisch österreichische ‚falsche Frage – weiter bitte!'“. Tatsächlich gibt der Amtsleiter der Bürgermeisterin (ÖVP) an, „im Alltag keine Nachteile zu sehen – im Gegenteil: Einige unserer Mitbürger haben dort einen Arbeitsplatz.“

Ort mit Anlage verbandelt

Anwohner arbeiten etwa in der Bewachungsmannschaft oder in der Hundestaffel, normalerweise schützen vier bis fünf Mann das Objekt. „Da stehen komplizierte elektronische Geräte herum“, berichten diese. Gleichzeitig hört man, dass sich in den vergangenen 20 Jahren nicht viel verändert habe.

Beschwerden über den Lärm von der nahegelegenen Autobahn seien hingegen ein Gesprächsthema, so der Grünpolitiker Rehse. Von dubiosen weißen Masten lässt man sich im Wienerwald also nicht stören. (Fabian Schmid, 27.6.2015)

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