Begräbnis in Budapest

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Quelle: Der Standard

Mehrere Tausend Menschen nahmen am Freitag Abschied von Árpád Göncz, den die Macht nicht verderben konnte

„Temetni tudunk“ lautet ein oft zitiertes Sprichwort in Ungarn, was auf Deutsch etwa heißt: „Was wir können, ist Menschen begraben.“ Zwei solche schicksalsträchtige Begräbnisse haben die ungarische Geschichte nach dem Zweiten Weltkrieg mitgeprägt: Am 6. Oktober 1956 bildete die Beisetzung der rehabilitierten Opfer des ersten großen Schauprozesses in der Stalin-Ära in Anwesenheit von 200.000 Menschen den eigentlichen Auftakt zum bewaffneten Aufstand siebzehn Tage später gegen die Diktatur und für die Unabhängigkeit.

Fast dreiunddreißig Jahre später markierte auch eine Trauerfeier, diesmal für den nach einem Geheimprozess hingerichteten Ministerpräsidenten der 56er-Revolution, Imre Nagy, und seine vier Schicksalsgefährten am 16. Juni 1989 auf dem Heldenplatz vor 300.000 Menschen, eine symbolische Wende. Bei dieser denkwürdigen Veranstaltung forderte ein 26-jähriger unbekannter bärtiger Mann im Namen der jungen Generation in einer scharf formulierten Rede nationale Unabhängigkeit und politische Freiheit. Er hieß Viktor Orbán.

Ebenso unbekannt war damals der um vierzig Jahre ältere Übersetzer und Schriftsteller Árpád Göncz, der als Gründer der liberalen Freien Demokraten (SzDSz) bei dem friedlichen Systemwechsel mitgewirkt hat. Er war Widerstandskämpfer und Judenretter 1944, später aktiv bei der von den Kommunisten zerstörten Kleinlandwirtepartei, danach Hilfsarbeiter. Nach dem Aufstand wegen seiner oppositionellen Tätigkeit zu lebenslänglicher Haft verurteilt, galt Göncz nach sechs Jahren im Gefängnis als einer der angesehensten Übersetzer der englischen und amerikanischen Literatur.

1990 und 1995 zum Staatspräsidenten gewählt, wurde „Árpi bácsi“ (Onkel Árpi) durch seine persönliche Ausstrahlung von Würde, Bescheidenheit und Anständigkeit während eines ganzen Jahrzehntes mit Umfragewerten zwischen 70 und 80 Prozent der mit Abstand beliebteste Politiker seiner Heimat und ein Symbol „des aufrichtigen Herzens und des offenen Geistes“ (so der Erzabt von Pannonhalma, Asztrik Várszegi, beim Begräbnis).

Er starb am 6. Oktober mit 93 Jahren und lehnte in seinem letzten Willen ausdrücklich ein Staatsbegräbnis ab. Er wollte neben den Ruhestätten seiner Gefängniskameraden, drei liberaler Intellektueller, im abgelegenen Altbuda-Friedhof begraben werden. Mehrere Tausend Menschen, unter ihnen als einziger amtierender ausländischer Staatschef Bundespräsident Heinz Fischer, nahmen am Freitag Abschied von einem Staatsmann, den die Macht nicht verderben konnte.

Es lag ein Gefühl von Trauer, aber auch tiefe Hoffnungslosigkeit über der Szene. Wir wohnten auch einem Begräbnis jener liberalen, westlichen Werte bei, die Árpád Göncz beim Systemwechsel 1989 und in seinem ganzen langen Leben vertreten hatte. Die zerstrittene liberale und linke Opposition ist heute höchstens durch das Mikroskop erkennbar. Inzwischen ist aber Viktor Orbán, der bärtige Revoluzzer von damals, nicht nur der triumphierende Weltmeister des politischen Zynismus. Er steht auch Pate bei der Schaffung eines korrupten illiberalen Systems, das mit der von „Árpád bácsi“ verkörperten „Humanisierung der Macht“ nichts zu tun hat. (Paul Lendvai, 9.11.2015)

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