Funkhaus-Demo gegen „geistesgestörte Entscheidung“

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Quelle: Der Standard

200 bis 300 Radiomitarbeiter und Kulturschaffende protestierten gegen Übersiedlungspläne

Wien – Montagabend ging der Protest gegen den Verkauf des Funkhauses in die nächste Runde: Vor dem moderat gefüllten Funkhaus versammelten sich Demonstranten zum „Radiomeer“.

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Die ORF-Geschäftsführung plant die Zusammenführung aller Sendereinheiten am zentralen Standort Küniglberg im 13. Wiener Gemeindebezirk. Mitarbeiter von Ö1, FM4 und Radio Wien im traditionsreichen Haus in der Wieden und Kunstschaffende laufen dagegen Sturm. Am 11. November läuft die Anbotsfrist für die Liegenschaft ab.

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Der Schriftsteller Robert Menasse ließ sich an eine Eingangstür Ketten anlegen, „symbolisch“, wie er meinte. Sollte die Geschäftsführung Ernst machen mit „dieser geistesgestörten Entscheidung“, blieben er und „wechselnde Kulturschaffende“ auf Dauer.

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foto: apa/georg hochmuth

„Glaube der Geschäftsführung kein Wort“

Der Schauspieler Erwin Steinhauer zeigte sich „emotional stark betroffen“. Er könne sich nicht vorstellen, dass nach einer Übersiedlung die Senderidentität gewahrt bleibe: „Ich glaube der Geschäftsführung kein Wort“, sagte Steinhauer. „Diese ganz spezielle Atmosphäre ist nicht zu transferieren.“

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Die Schriftstellerin Marlene Streeruwitz lud zur „Fürbitte“ ein: Sie verlas die Namen der 35 Stiftsräte einzeln, die Demonstranten antworteten wiederholt mit dem Satz: „Hallo, was hast du dir dabei gedacht?“

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Geschäftsführung „mit nassen Fetzen aus der Stadt gejagt“

Der Musiker Willi Restarits forderte einen „Aktionsplan“, Schauspieler und Radiosprecher Wolfram Berger performte Karl Valentin, Radiomitarbeiter bildeten eine Satzkette. Gerhard Ruiss von der IG Autoren und der Initiative „Radio muss im Funkhaus bleiben!“ las einen Brief vor, den er an ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetzgeschrieben hatte: „Wir haben nicht vor, uns das gefallen zu lassen.“ Der Schriftsteller Franzobel schickte eine Grußbotschaft: Die Geschäftsführung, die das Funkhaus verkaufen wolle, „gehört mit nassen Fetzen aus der Stadt gejagt.“

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Daneben wurde getanzt und musiziert und über eine Radio-App die Sendung „Spielräume“ öffentlich übertragen, in der Mitarbeiter vom Studio aus ihren Protest gegen die Übersiedlungspläne ausdrückten.

Weitere Redner waren unter anderen der Musiker Ernst Molden, Viennale-Direktor Hans Hurch, Schriftstellerin Lydia Mischkulnig, Johannes Stritzl, Initiator der Petition „Rettet das Funkhaus“. (prie, 10.11.2015)

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Viennale-Direktor Hans Hurch, der auch an den Kampf um das Gartenbaukino erinnerte, wollte dagegen lieber die Politik in die Pflicht nehmen. „Ich fordere Bundesminister Josef Ostermayer (SPÖ) auf, seine Verantwortung zu übernehmen“, so Hurch. Bei der geplanten Übersiedelung handle es sich nicht um eine ökonomische, sondern vielmehr um eine kultur- und medienpolitische Entscheidung und um eine „Form des Disziplinierung“, betonte er.

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Hintergrund des bunten Protests: Der ORF plant eine Zusammenlegung aller seiner Sender und Standorte im um- und ausgebauten ORF-Zentrum am Küniglberg. Die derzeit im Funkhaus untergebrachten Sender Ö1 und FM4 sowie das Landesstudio Wien sollen ebenfalls übersiedeln. Die Liegenschaft selbst soll verkauft werden, bis 11. November können Anbote gelegt werden.

Nächster Tagesordnungspunkt: Eine Pressekonferenz am Dienstag, bei der den Forderungen der Künstler noch einmal Nachdruck verliehen werden soll.

Pressekonferenz im Teesalon der Wiener Staatsoper

Michael Heltau: „Ich unterstütze dieses Anliegen mit allem Nachdruck. Das Funkhaus als Ort der Kunst, Kultur und Bildung muss erhalten werden.“

Christian Ludwig Attersee: „Ich glaube, dass das Funkhaus und seine jahrzehntelange Geschichte verschiedenste Aufgaben wie Live-Radiosendungen, Konzertveranstaltungen, eigenes Orchester, Sitz von Ö1, des wichtigsten Radiosenders Österreichs, erfüllte; auch Installationen und Ausstellungen wurden im großen Sendesaal veranstaltet. Jedenfalls ist dieses Haus seit den 1930er Jahren mit den vielfältigsten Inhalten von Nachrichtensendungen bis zu avantgardistischer Kunst ein sehr lebendiger Teil der Wiener Öffentlichkeit und die wichtigste Erinnerung an die große Zeit des Radios.“

Toni Stricker: „Wenn mich jemand fragen würde, ob ich, wenn ich nochmals zur Welt käme, diesen meinen Weg noch einmal gehen würde, wäre meine Antwort: Heute sicher nicht genauso, denn die Voraussetzungen wären nicht mehr so, wie sie früher einmal waren. Da gab es, um nur ein Beispiel zu nennen, einen Rundfunk, wo viel produziert wurde. Die Aufnahmestudios waren immer voll belegt. Es waren österreichische Orchester engagiert, es wurde österreichische Musik produziert quer durch alle Musiksparten, österreichische Komponisten und Musiker konnten ihr Brot verdienen. Man kann mich jetzt ruhig als Chauvinisten bezeichnen, der ich erwiesenermaßen nie war, aber es gibt in keinem Land in Europa einen öffentlich-rechtlichen Rundfunk, in dem so ins eigene Nest geschissen wird wie in Österreich. Unsere Politiker, die unser Funkhaus schützen sollten, schauen bei seiner Verschleuderung tatenlos zu und sind mitverantwortlich, wenn ein Stück Geschichte der österreichischen Musikkultur verloren geht.“ (APA, 10.11.2015)

Petition: Das Funkhaus muss bleiben!

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