Toleranz gehört verteidigt

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Dominique Plich

Europa, ein vorgezogener Nachruf:

Lange habe ich überlegt, ob ich als halber Franzose etwas zu den Vorfällen in Paris schreiben soll und habe festgestellt, dass ich sogar etwas schreiben muss, alleine um meine Gedanken zu ordnen und um vielleicht im Austausch über meine Ideen Lösungsansätze zu finden.

Natürlich bin ich entsetzt, natürlich bin ich betroffen, natürlich möchte ich einfach nur schreien, weinen oder irgendetwas tun, was mich aus der Schock-Starre befreit in der ich mich befinde.

Ich möchte keine Bibel oder Koranverse zitieren und nicht feststellen, was jeder für sich selbst aus der Religion zieht. Sie kann dem einen Halt geben, aber Sie kann den andern in den Wahn führen. Du sollst nicht töten, du sollst nicht stehlen, du sollst nicht lügen. Das sind für mich die Grundpfeiler des menschlichen Zusammenlebens. Das hat erst mal nichts mit Religion zu tun. Ich denke man kann behaupten, dass wenn jeder diese drei Prinzipien einhalten würde, die Welt ein wunderbarer Ort wäre. Diese drei Punkte sind die Basis dafür, sich sicher zu fühlen und könnten ausreichen um alle menschlichen Belange zu regeln. Was gehört noch dazu? Streiten gehört dazu! Toleranz dessen was ein anderer denkt, solange es sich mit diesen drei Grundpfeilern in Einklang bringen läßt.

Ich möchte mich mit meinen muslimischen Freunden zusammensetzen und Ihnen sagen wie fürchterlich ich Ihren Glauben finde. Ich möchte aber aus Ihren Antworten lernen. Ich möchte mir sagen lassen, warum sie meinen (antiklerischen) christlichen Glauben ablehnen und ich möchte ihnen Antworten geben, die sie vielleicht besser verstehen lassen, warum ich tue was ich tue und glaube was ich glaube. Danach möchte ich Ihnen die Hand geben und sie weiter „Freund“ oder sogar „Bruder“ nennen. Respekt wächst mit Verständnis füreinander und man verdient ihn sich ausschließlich mit den Dingen die man tut oder eben nicht tut. Diese Art Menschen heiße ich gerne willkommen, wenn Sie diese drei Prinzipien uneingeschränkt teilen.

Werden diese drei Pfeiler menschlichen Zusammenlebens aber verletzt, dann gehört es sich für mich und die ganze Gesellschaft auch, diese Pfeiler zu verteidigen. Wenn es nötig ist mit Intoleranz, sicherlich aber mit Nachhaltigkeit und wenn es wirklich sein muss auch mit Gewalt.

Aber HALT. Gewalt ist im Fall der Verteidigung akzeptabel, aber wirklich nur als letztes Mittel. An dieser Stelle muss man sich aber fragen ob und gegen wen wir uns wirklich gerade verteidigen, oder ob uns gerade genau diese Verteidigungshaltung entgegen schlägt? Es sollte geboten sein einen Moment inne zu halten und zu fragen, was wir damit an eigener Menschlichkeit und eigenen moralischen Prinzipien aufgeben.

Ich bin sicher kein Politiker, aber ich bin nicht einverstanden mit der Politik, die mein Land macht. Ich bin nicht damit einverstanden wie Syrer und andere vor Armut, Hunger und vor allem Krieg Fliehende in dieses Land gelockt werden und dort wo sie gebraucht werden fehlen. Ich bin nicht damit einverstanden, dass Waffen an Diktaturen verkauft werden, ich bin nicht damit einverstanden dass Asylheime brennen, ich bin nicht damit einverstanden, dass Muslime unter Generalverdacht gestellt werden aber ich bin genauso wenig damit einverstanden, mit welcher Erwartungshaltung der ein oder andere hierherkommt. Vor allem aber bin ich nicht damit einverstanden, dass Meinungen verboten werden. Verbotene Meinungen verschwinden nicht, sie faulen, sie werden giftig, sie brodeln, sie kochen über. Jede noch so abstruse Meinung muss diskutiert werden, nur dann kann diese Meinung als das entlarvt werden, was sie ist. Wäre es so schlimm wenn ein vollkommen abstrus wirkender Gedanke als richtiger Ansatz entpuppte? Ich bin sicher, viele Menschen wären überrascht an welchen Meinungen sie selbst festhalten, das gilt für linke wie rechte wie mittige Meinungen. Sollte es gerade bei den „verrückten“ Meinungen nicht ein Leichtes sein, diese zu entkräften? Vielleicht ist es Zeit für ein radikales Umdenken?

Ein Brainstorming in kreativen Firmen wird gerne verwendet um neue Ideen zu entwickeln und eine der wichtigsten Prinzipien dabei ist, dass es keine Denktabus gibt. Jede noch so irre Idee kann zuletzt genau die Richtige sein. Das wirklich Elementare dabei ist, jedem Mitdenker das Gefühl zu geben gehört worden zu sein, sonst hat der Ausgeschlossene beim nächsten Mal keine Lust mehr mitzudenken und sich einzubringen. Das und nichts anderes sollte Politik abbilden, kanalisieren und umsetzen.

Wir müssen es zugeben: Europa wie wir es kennen existiert nicht mehr es ist am 13.11.2015 in Paris gestorben. Wir haben jetzt die Chance dazu, dass sich Europa wieder aus der Asche wie ein Phoenix erhebt. Nicht mit mehr Gewalt, nicht mit erneuten härteren Bombenangriffen, sondern mit einer Hymne an die Freiheit, wie der Marseillaise: „Liberté, Liberté chérie, Combats avec tes défenseurs!“ (Freiheit, geliebte Freiheit, Kämpfe mit Deinen Verteidigern!).

An dieser Stelle müssen wir die Flüchtlingskrise mit dem Terror in Zusammenhang bringen: Warum zeigen wir nicht unsere Symbole offen? Die europäischen Muslime sollten mit den friedlichen Koranversen auf den IS reagieren und den Freiheitshassern so den Spiegel vorhalten. Die europäischen Christen sollten stolz ihr Kreuz erheben und sagen: Dies ist mein Symbol der Freiheit, deshalb helfe ich Flüchtlingen und verachte Gewalt. Die Moralisten sollten das friedliche Zeichen ihrer Wahl hinzufügen… Uns alle verbindet der Wunsch nach Freiheit. Integration kann durchaus auch sein, zu zeigen warum zehntausende Menschen -vor allem in Deutschland- sich moralisch dazu verpflichtet fühlen zu helfen. Welchem Geist es jeder einzelne Flüchtling zu verdanken hat, dass er hier aufgenommen wird. Lasst uns den IS mit Flugblättern bombardieren darauf die glücklichen Gesichtern von in Europa sicher Angekommener mit dem arabischen Hinweis, dass dieses Gesicht gerade lernt wie man frei und ohne Angst leben kann und dass dieser Mensch wieder nach Hause möchte mit der Fackel der Freiheit in der Hand.

Angst zu haben ist völlig richtig. Aber wir sollten Angst um unsere Freiheit haben und genau diese ist in Gefahr durch mehr Kontrolle und mehr Eingriffe durch den Staat, mehr Gewalt gegen Andersdenkende aber auch durch ungesund gelebte Toleranzbegriffe. Lassen wir das zu, dann hat der IS gewonnen und die ursprüngliche Idee von Europa wird vollständig untergehen. Lasst uns alle gemeinsam nicht nach Rache schreien, sondern lasst uns um unsere Toten trauern und dann eine Hymne der Freiheit anstimmen, die es zu verteidigen gilt und für die es sich lohnt zu sterben. Zeigen wir den verzweifelten Menschen, die zu uns gekommen sind, wie man reagieren muss um seine Freiheit zu verteidigen. Zeigen wir aber gleichzeitig all den Kriegstreibern auf der ganzen Welt, dass wir uns mit dem Schild der Freiheit aber auch mit dem Speer des Zorns verteidigen werden. Nach innen und nach außen.

Ich hätte mir gewünscht dieser Text würde ein bischen weniger Pathos enthalten, aber vielleicht ist genau jetzt die Zeit dafür.

Über Eure Gedanken würde ich mich freuen!
Dominique Plich

PS: Ein Dankeschön für bereichernde Gedanken möchte ich an dieser Stelle an Oliver Janich, Hamed Abdel-Samad Charles Krüger Erwin BlankJean Plich Süper Tayfun Ben Schmelmer und einige mehr richten, die sich hoffentlich angesprochen fühlen…

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