Spurensuche jüdischen Lebens in Krakau

Gepostet am Aktualisiert am

Quelle: Horst Womelsdorf

  • Horst Womelsdorf Hilchenbach, den 4. Dezember 2015
    Krakau, die alte Königsstadt Polens an der Weichsel, ist zu allen Zeiten eine Reise wert.Sie wurde im Jahre 1257 gegründet und war fünf Jahrhunderte die Hauptstadt Polens. Diese Stadt zu besuchen ist eine Begegnung mit der höchsten Glanzzeit polnischer Geschichte. Die Krakauer Altstadt mit dem Wawelschloss und dem Stadtteil Kazimierz wurde im Jahr 1978 in die Liste des Weltkulturerbes und Weltnaturerbes der UNESCO aufgenommen und fasziniert heutige Besucher. Krakau, die heimliche Haupstadt Polens hat viele Sehenswürdigkeiten:
    Einen der größten und schönsten Marktplätze Europas aus dem 13. Jahrhundert, angelegt für Festlichkeiten aus Anlass der Krönungen der polnischen Könige. Die berühmten Tuchhallen mit ihren vielen Kramläden wurden in der Herrschaftszeit des Königs Kazimierz Wielki im 14. Jh. in gotischem Stil errichtet. Die großartige Marienkirche wurde im 14. Jahrhundert von den Krakauern Bürgern gestiftet und erbaut. Die größte Kostbarkeit der Kirche ist der gotische Marienaltar von Veit Stoß aus den Jahren 1477 – 1489, ein spätmittelalterliches Meisterwerk. Er ist 13 m hoch und 11 m breit und somit der größte mittelalterliche Holzaltar des christlichen Abendlandes.
     Was die Besucher immer wieder fasziniert, wenn vom höheren Turm der Marienkirche zu jeder vollen Stunde das „Hejnal“ durch einen Trompeter erklingt. Es war das Signal zur Öffnung und Schließung der Stadttore im Falle einer Feuersbrunst oder beim Anzug eines feindlichen Heeres. Diese Tradition wird heute noch gepflegt. Um 12 Uhr mittags wird dieses Signal über Radio in ganz Polen gesendet.
     Vom großen Marktplatz führt der sogenannte Königsweg zum Hügel Wawel mit Königsschloss und Kathedrale mit ihren 18 Kapellen, Beisetzungsort der polnischen Könige. Im Schloss befinden sich die sehenswerte Schatz- und Rüstkammer. Unter König Kazimierz Wielki begann die Glanzzeit der Wawel-Burg. Vom Wawel-Hügel hat der Besucher einen herrlichen Blick auf den Fluss Weichsel.
    Kazimierz, der Name des polnischen Königs Wielki, wird auch von einem Statteil Krakaus getragen. Im Jahre 1335 gründete der König eine damals eigenständige Stadt.
    Hier fand über viele Jahrhunderte das Leben des jüdischen Volkes statt. Sie lebten in dieser Zeit einträchtig mit Christen zusammen. Davon zeugen noch heute Synagogen und christliche Kirchen nahe beieinander. Dieser Stadtteil Kazimierz war unser Ziel.
    Der zweite Weltkrieg löschte das jüdische Leben in Kazimierz aus. Von den 58.000 Einwohnern haben nur etwa 1.200 Menschen den Holocaust überlebt. Bei unserem ersten Spaziergang durch Kazimierz entdeckten wir in unmittelbarer Nähe zu unserem Hotel eine Synagoge. Es war die Tempel-Synagoge mit einem großartigen Thora-Schrein. Diese Synagoge ist im großen Innenraum und an der Decke vollständig mit buntem und vergoldetem Schnitzwerk geschmückt. Mit ihren bedeutenden Glasfenstern gilt sie als schönste Synagoge Krakaus und beeindruckt jeden Besucher.
    Die Namen der anderen Synagogen sind:
    Alte (Stara) Synagoge, erbaut Ende des 15. Jh. im gotischen Stil.
    Jakob (Jakuba) Synagoge, errichtet im 17. Jh. mit barocker Stuckdekoration.
  • Hohe (Wysoka) Synagoge, ein Renaissancebau aus dem 17. Jh. Isaak-Synagoge. Diese Synagogen sind Museen über die Geschichte, Kultur und Bräuche der Krakauer Juden und werden für Konzerte und Ausstellungen genutzt.
    Am belebten Mittelpunkt des jüdischen Viertels befindet sich die Remuh-Synagoge im Stil der Spätrenaissance. Hier liegt auch der älteste jüdische Friedhof Polens aus dem 16. – 18. Jh. Auf diesem wurde der jüdische Rabbiner Moshe Ysserles beerdigt. Sein Grab ist das Ziel vieler Juden aus der ganzen Welt. Dort betete ich das Jüdische Glaubensbekenntnis: „Shma Israel Adonai eluhenu Adnonai echad. Höre Israel, der Herr ist Gott, Gott allein.“ Und bat den Gott der Juden und Christen um Vergebung für die Ermordung 6,5 Millionen jüdischer Menschen. In der Remuh-Synagoge finden an jedem Shabbat Gottesdienste für die jüdische Gemeinde statt. Diese ist in Krakau wieder gewachsen. Wir sahen auf den Straßen Männer, Frauen und Kinder, die jüdische Kleidung trugen. So standen sie auch rein äußerlich zu ihrem Judentum.
    Die Entscheidungsträger der Stadt Krakau und die Mitglieder der UNESCO haben viel getan, den jüdischen Stadtteil Kazimierz zu restaurieren und die Häuser zu renovieren.
    Heute verzaubern die malerischen Gassen viele Touristen. Es haben sich großartige Restaurants etabliert, geschmückt mit aufgefundenen Bildern und Gerätschaften der ehemaligen jüdischen Bürger. Überall ertönt abends bei heimeliger Beleuchtung Klezmer-Musik.
    Über die Weichselbrücken führte uns am nächsten Tag der Weg in den Stadtteil Podgorze. Wir saßen auf dem weitläufigen Platz des ehemaligen Krakauer Ghettos.
    Am Rand des Platzes befindet sich die berühmte „Adler Apotheke“ mit einer beeindruckenden Ausstellung über das Krakauer Ghetto. Es ist kaum zu beschreiben, was einen an Ort und Stelle durch die Bilder des Leides und Erleidens an Empfindungen bewegt.
    In der Nähe befindet sich noch heute in der Straße Lipowa Nr. 4 die ehemalige Deutsche Emailwarenfabrik des Unternehmers Oskar Schindler. Dieser beschäftigte in den Jahren 1939 – 1945 über 1.100 jüdische Bürger. Er rettete so ihr Leben, weil er sein Unternehmen als kriegswichtige Fabrik einstufen ließ.
    Somit verhinderte er, dass die jüdischen Mitarbeiter in die Konzentrationslager deportiert und ermordet wurden. Gewiss ist uns allen der Film „Schindlers Liste“ bekannt.
    Heute ist die Emailwaren-Fabrik ein riesiges Museum mit Tausenden Besuchern aus aller Welt. Die Besichtigung dieses Museums war wie der Weg durch das Lager Auschwitz-Birkenau. Bilder, Filme und Exponate zeigen das Leid der Juden während der Zeit der Nazidiktatur.
    Viele großformatige Fotos der jüdischen Mitarbeiter der Emailwaren-Fabrik standen vor unseren Augen. Einer war Ytzhak Stern. Er sagte zu Oskar Schindler, als dieser seine Fabrik verlassen musste, die großartigen Worte aus dem jüdischen Talmud: „Wer ein Menschenleben rettet, der rettet die ganze Welt.“
    Am Ausgang lag ein Kondolenzbuch. Dort schrieb ich folgende Worte hinein: „Wer nicht mit Israel weint, hat kein Recht, zu dem Gott Israels zu beten. Wer Israel antastet, der tastet Gottes Augapfel an.“
    An der Tempel-Synagoge im Stadtteil Kazimierz war ein Banner gehisst mit der
    Aufschrift:
    „Auf eine jüdische Zukunft in Krakau“.
    Diesem Wunsch können wir uns nur anschließen.
    Horst Womelsdorf, Hilchenbach

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