Vor 50 Jahren: Papst Paul VI. schafft den „Index der verbotenen Bücher“ ab

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Von: Stefan Orth (epd)

Als am 14. Juni 1966 das Ende des „Index der verbotenen Bücher“ verkündet wurde, hatte er praktisch schon keine Bedeutung mehr. Dennoch zählt er bis heute zu den sagenumwobenen Erfindungen der katholischen Kirche.

Wie in Umberto Ecos Roman „Der Name der Rose“ gehört das Verbot von Büchern zu den markantesten Merkmalen, wenn man die katholische Kirche als Institution des finsteren Mittelalters präsentieren möchte. Sagenumwoben bis heute ist der „Index der verbotenen Bücher“, der erst vor 50 Jahren abgeschafft wurde. Dabei war die Leseverbotsliste eine neuzeitliche und damit moderne Erfindung: Nach dem Aufkommen des Buchdrucks im 15. Jahrhundert hat die katholische Kirche schnell erkannt, wie gefährlich die Möglichkeit ist, umstürzlerische und reformatorische Ideen vergleichsweise einfach zu verbreiten.

Unter anderem zur Abwehr solcher Ideen wurde 1542 die „Heilige Römische und Universale Inquisition“ gegründet. 1571 folgte dann zusätzlich eine Indexkongregation, der es um die möglichst umfassende Kontrolle des Buchmarkts ging. Bereits 1559 wurde der erste päpstliche Index publiziert.

Bestimmte Bücher sollten demnach am besten erst gar nicht (nach-)gedruckt werden. Und wenn man das nicht verhindern konnte, so durften Katholiken sie nur mit einer bischöflichen Sondererlaubnis lesen. Verstöße wurden mit der von selbst eintretenden Exkommunikation bestraft – wobei es hier wohl vor allem um die abschreckende Wirkung ging.

Die „Lutherbibel“ stand auf dem Index

Verboten wurden etwa Erasmus von Rotterdam (Artikelfoto), Giordano Bruno und der Reformator Martin Luther (Foto: thinkstock) – auch dessen Bibelübersetzung ins Deutsche. Außerdem auf dem Index standen Werke, die sich mit der Magie und Astrologie beschäftigten oder als „obszön“ galten.

Es war eine „Bewahrpädagogik“, die katholische Kirche als Teil einer Buchreligion bekämpfte Bücher. Manchmal wurde auch das gesamte Werk eines Autors verboten und damit nicht nur dessen wirtschaftliche Existenz vernichtet. Mit Leipzig, Basel oder Tübingen setzte man gleich ganze Verlagsorte auf den Index.

Erste Anzeichen der Überforderung zeigten sich im 19. Jahrhundert. Je freier in Gesellschaft und Wissenschaft neue Ideen diskutiert wurden, desto mehr wurde das Verbot von Büchern zu einem Akt der Selbstisolierung. So lief das ganze Unterfangen zunehmend ins Leere. Verboten wurden zuletzt vor allem katholische Reformtheologen wie George Tyrell, Marie-Dominique Chenu oder Otto Karrer, aber auch der Atheist und Existenzialist Jean-Paul Sartre.

Der jüngste aufgelegte „Index librorum prohibitorum“ aus dem Jahr 1948 umfasst immerhin 6.000 Einträge, das letzte indizierte deutsche Buch war das Werk „Der Mündige Christ. Katholische Kirche auf dem Weg der Reifung“ von Josef Thomé im Jahr 1955.

Papst Paul VI. schaffte den Index offiziell ab

Dem Spuk ein Ende setzte das Zweite Vatikanische Konzil. Bereits Ende 1965 gab es einen päpstlichen Erlass, nach dem Bücher nicht mehr verboten, sondern nur noch „missbilligt“ werden sollten. Offiziell abgeschafft wurde der Index dann vor 50 Jahren am 14. Juni 1966 von Papst Paul VI. (Foto: Wikimedia / Vatikan). „Der Papst unterstrich, die Glaubenslehre könne heutzutage wirksamer durch Förderung der Wissenschaft und positive Darlegung der Gründe kirchlicher Entscheidungen geschützt werden“, schreibt Hubert Wolf im Standardwerk zum Thema (Index. Der Vatikan und die verbotenen Bücher, 2006). Die Glaubenskongregation, Nachfolgerin des Offiziums, warnte freilich auch weiterhin mit eigenen Stellungnahmen vor bestimmten theologischen Werken.

Jener Fundus der verbotenen Bücher aber ist inzwischen zu einem wahren Schatz für die Kirchengeschichtsforschung geworden. Länger schon bekannt waren die Plakate, mit denen im Laufe der Jahrhunderte an den römischen Hauptkirchen vor bestimmten Druckerzeugnissen gewarnt wurde. Seit 1998 sind jetzt auch Prozessakten einem breiteren Kreis von Forschern zugänglich.

Mindestens so interessant dabei ist, welche Bücher angezeigt und untersucht, aber nicht verurteilt wurden. „Onkel Toms Hütte“ von Harriet Beecher Stowe ist genauso darunter wie der „Knigge“. Selbst Kirchenväter, Klassikerausgaben und andere Standardwerke waren betroffen: von Ambrosius bis Thomas von Aquin, Sokrates bis Vergil. Davon hat die Öffentlichkeit meist nichts erfahren.

Forschung steht vor dem Abschluss

Die gegenwärtige Forschung wird vor allem von dem Münsteraner Kirchengeschichtler Wolf und einem großen Stab von Mitarbeitern in den Archiven der Glaubenskongregation geleistet. Die Forschergruppe ist dabei, das Langzeitprojekt in diesem Jahr abzuschließen. Zuletzt hat man vor allem die Bestände des 16. und 17. Jahrhunderts aufgearbeitet und dabei gesehen, dass der Index bis 1800 durchaus eine Vielfalt theologischer Ansätze zugelassen hat.

Von 1542 bis 1939 ist jetzt alles Material der Indexkongregation komplett erschlossen, Anfang nächsten Jahres soll es eine Abschlusstagung geben. Einzig die Öffnung der Archive von Papst Pius XII. fehlt, um die letzten Jahre, etwa die Auseinandersetzung mit Simone de Beauvoir, Jean-Paul Sartre oder André Gide noch abschließend untersuchen zu können.

Aber auch unabhängig davon gebe man jetzt, sagte Hubert Wolf im Gespräch, anderen Forschern einen wichtigen Schlüssel in die Hand. Weit über die Theologie hinaus sei nun greifbar, wie akademische und schöngeistige Literatur zu ihrer Zeit gesehen und diskutiert wurden.

Wolf denkt schon weiter. Mehr als 15 Jahre lang hat man die gesamten Archivbestände der Glaubenskongregation durchsiebt, wie er sagt. Aufgrund dieses Wissens sei man jetzt in der Lage, die Hintergründe von Glaubensentscheidungen aufzudecken und zu analysieren. Damit wäre dann auch die Geschichte der Weiterentwicklung katholischer Lehre in den vergangenen Jahrhunderten noch umfassender verständlich.

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