ECFR: Was zum türkischen Putschversuch zu sagen wäre

Gepostet am Aktualisiert am

Quelle: ECFR

Der ECFR und der Türkei-Spezialist Asli Aydintasbas haben sich seit dem Beginn des Putschs auf dem Boden Istanbuls befunden. Wir wollen daher noch einmal zusammenfassen, wie der Putschversuch vor Ort wahrgenommen wurde. Ebenso wollen wir berichten, was in weiterer Folge zu erwarten ist:

Asli Ayintasbas ist führender Sicherheitsfachmann des ECFR. Sollten sie also Fragen haben, so wenden sie sich bitte an die Pressestelle.

Der ausgeführte Bericht schliesst übrigens die Organisation des Putschs durch eine Volksmobilisierung durch Erdogan aus.

Es handelt sich zweifelsfrei um den härtesten Putschversuch seit 1980 und es waren daran Abteilungen der Landwehr, der Luftflotte der türkischen Armee und Polizeistationen beteiligt.

Der Auslöser des Putsches war ein Kommandoüberfall auf das Hotel, in welchem sich der türkische Präsident Tayyip Erdogon mit der Absicht aufhielt Urlaub zu machen. Das Ziel: Ihn zu töten.

Allerdings verpassten die Putschisten Erdogan genau um eine Stunde, weil der türkische Geheimdienst im Vorfeld ungewöhnliche militärische Massnahmen wahrnahm.

Grundsätzlich ist zu sagen, dass an den Vorbereitungen und der Mobilisierung dieses Putschversuchs eine grosse Anzahl an Einheiten beteiligt gewesen waren.

Den Kern hierbei bildeten die türkischen Streitkräfte. Aber die Verschwörer waren nicht in der Lage sich die Unterstützung von Hulusi Akar, dem Stabschef des türkischen Militärs zu sichern.

Stattdessen nahmen sie in als Geisel auf der Airbase in Ankara.

Was allerdings beteiligt gewesen sein dürfte, waren etliche Einheiten im ganzen Land und ein vier-Sterne Aiforce General.

W#hrend die Anhänger der Regierung nunmehr einen US-basierenden Kleriker verantwortlich machen, Fethullah Gülen, scheint es ausserhalb der Reichweite Gülens auf einem Grundstück einen Besprechungsraum zu geben und die Anhänger der Putschisten reichen hinein bis zu Menschen, die in Erdogans Büro arbeiten.

Einen Steinwurd entfernt vom Palast

Das Epizentrum der Junta war eine Airbase in Ankara und es gab dort erhebliche Beteiligung durch die Airforce.

Dort gab es die ganze Nacht über Gefechte. Ebenso in der Zentrale des türkischen Generalstabschefs und im Bereich des türkischen Geheimdienstes.

Der Chef des Stabes sowie die Kommandeure der Landwehr, Marine und der Luftwaffe wurden von den Putschisten festgehalte und an einen sicheren Ort gebracht.

Am Putsch waren Panzer, Hubschrauber sowie F16 beteiligt und die Pattsituation dauerte 11 Stundne.

Erdogans Palast, sein Ferienhaus sowie das Parlament wurden bombadiert.

Es ist schwer einzuschätzen, wie viele Soldaten tatsächlich beteiligt gewesen sind, weil die Türkei eine Rekruten Armee betreibt.

Ganz sicher aber ein paar hundert Offiziere und tausende von Soldaten, einschliesslich der Wehrpflichtigen. (Die türkische Streitkraft ist übrigens rund 600.000 Mann stark)

Auch erscheint es möglich, dass einige Divisionen von Grund auf im Hintergrund gehalten wurden, als klar wurde, dass der Putsch scheitert.

Beim Türkischen Geheimdienst hört an von ungewöhntlichen Aktivitäten

Einige Aspekte des Putschversuchs scheinen übrigens extrem dilettantisch über die Bühne gegangen zu sein, so das wir davon ausgehen, dass die Putschistin ihr Vorhaben nach vor verlegen mussten.

Möglicherweise, weil sie enttarnt worden waren..

Der Leiter des türkischen Geheimdienstes, Hakan Fidan, scheint die „ungewöhnlichen Aktivitäten“ im Vorfeld wahrgenommen zu haben.

Um 17:00 am Freitag besuchte er deshalb den Chef des Stabes der Armee.

Gemeinsam leitete man dann Vorsichtsmassnahmen ein. Eine Anfrage an die Kommandanten führte offensichtlich zu einer frühzeitigen Einleitung des Putschversuches.

Medienecho

Die tatsächliche Mobilisierung begann dann um 22:00 Uhr, wodurch es sehr schwierig für die Putschisten wurde, die Medien zu kontrollieren.

Das war der eigentliche Hauptpunkt des Scheiterns.

Statt das man Twitter und private Nachrichtensender abschalten konnte, gelang des der Regierung den Widerstand über diese Medien zu steuern.

Während die Putschisten um 11:00 über TRT die Message absetzen, dass der Putsch erfolgreich war, melden einige Minister über die sozialen Netzwerke, dass der Putsch versagte.

Fordern die Menschen auf auf die Strassen zu gehen.

Das Ziel der Putschisten

Das eigentliche Ziel der Putschisten war es am Freitag, Erdogan zu töten. Deswegen drangen 40 Mann Spezialeinheit in das Hotel ein und erhielten hierbei die Unterstützung von drei Hubschraubern. Während Erdogan an der südlichen Mittelmeerküste Urlaub machte.

Gewarnt vom Sicherheitsdienst hatte dieser aber bereits eine Stunde zuvor das Hotel verlassen.

Der Coup war also in dem Moment zu Ende, als Erdogan um Mitternacht ins Fernsehen ging. In diesem Moment war klar: Erdogan lebt. Der Putsch ist gescheitert. Von dort aus rief er dann seine Anhänger auf die Strassen.
Erdogans Aufrur veränderte die psychologische Einstellung. Und damit war der Putsch gescheitert.

Diejenigen die übrigens Erdogans Aufruf folgten waren grossteils die AKP-Wähler und die islamischen Gruppen.

Tausende gingen auf den Flughafen und in die Stadtzentren. Veranstalteten Gegendemos so wie am Rabia-Platz in Kairo.

Das was den Putschisten blieb war die Bosporus Brücke. Aber auch dort eröffneten die Soldaten nicht das Feuer auf die Demonstranten, da diese Zahlen mässig extrem überlegen gewesen wären.

Es war ihnen klar, dass der Putsch schlecht durchgeführt worden war, die Regierung zu viele Loyalisten besass.

Polizei gegen Militär

Eines der Sicherheitsmerkmale der AKP aus früheren Tagen ist, dass man die Polizei immer gegenkonträr zur Armee aufstellt.

Bedeutet wohl, dass in den nächsten Monaten die Anzahl der Polizisten erhöht werden wird.

Die Polizei über Tausende von Spezialkräften mit schwerer Bewaffnung verfügt.

Während des Putschversuchs gab es nämlich versuchte Angriffe auf Polizeistationen, die pro Erdogan eingestellt sind, sowie auf die Polizeizentrale.

Die Leistungsbilanz der Nacht aber ist, dass die Polizei dem Bundesheer Haus hoch überlegen ist.

Einschüchternde Strassenszenen

Um die Menschen auf der Strasse einzuschüchtern, flogen übrigens die gesamte Nacht F16 Bomber über die Städte Istanbul und Ankara, damit keine muslimen Gruppen auf die Strassen gehen.

Die Minarete des gesamten Landes aber forderten die Menschen dazu auf, dem Putsch zu widerstehen.

Ausserdem wurde der religiöse Ruf zum Gebet die gesamte Nacht lang verlesen.

Die Nacht wurde also zu einem Feiertag der AKP und des Islams.

Unbestätigten Berichten zu Folge wurde ein junger Soldat auf der Bosphorus Brücke enthauptet, was eine abschreckende Wirkung auf die Laizisten, Alawiten und Kurden gehabt haben soll,

Inzwischen haben sich die Strassen aber wieder normalisiert. Die Regierung hat ihre Anhänger aber dennoch dazu aufgefordert, ihre Augen offen zu halten. Man möge doch für „eine Woche“ auf der Strasse bleiben.

Gleichzeitig erhöhte Erdogan seine Internetpräsenz in Sozialen Netzwerken.

Alles in Allem sind 300 Menschen im Gefecht zwischen dem Militär und der Polizei ums Leben gekommen.

Grosse Anzahl an Verhaftungen

Im der Post-Coup Phase hat es inzwischen zahlreiche Razzien gegeben. Es wurden über 6000 Menschen verhaften, die sowohl von Seiten der Beamten als vom Militär kommen. Darunter 100 Generäle. Auch zwei oder drei 4 Sterne Generäle.

Das ist etwa ein Drittel der Befehlsstruktur der türkischen Armee.

Auch wurde der Kommandeur der 2. Armee in Malatya, dem grössten Teil der Armee, verhaftet. Der Truppeneinheit welche im Normalfall den Kampf gegen die PKK leitet.

Colonels und Generäle wurden im ganzen Land verhaftet. Das war verwundert: Es sind deutlich mehr, als bei dem Coup ursprünglich als beteiligt beschrieben.

Dazu kommt, dass 2745 Richter und Mitglieder der Berufungsgerichte aus Amt und Würden entlassen wurden. Viele von ihnen wurden verhaftet.

2 Mitglieder von 11 des Verfassungsgerichtshofs sind ebenso verhaftet worden wie 30 Provinzgouverneure.

Die Razzia soll sich gegen Gegner in der Regierung richten. Und die Angst vor einer Wiederholung eines Putschversuchs schüren.

Erwartete Spannungen mit den USA

Erdogan hat die USA aufgefordert, ihm Fethullah Gülen zu übergeben und die Nutzung des in Incirlik liegenden NATO Stützpunkts im Kampf gegen die IS über das Wochenende untersagt.

Die Flüge können nun wieder fortgesetzt werden, aber die Spannungen mit der USA bleiben, weil Erdogan den Verdacht hegt, dass die USA den Putschversuch mit unterstützt haben könnten.

Grossteils, weil sie auf ihrem Stützpunkt das Betanken von Flugzeugen zuliessen.

Der türkische Kommandant der Incirlik Basis wurde übrigens ebenso verhaftet.

Generalsekretär Kerry hat sich inzwischen bei seinem Kollegen zur Aussprache angemeldet um die US-Unterstützungsgerüchte abzuschwächen.

Sowohl die USA als auch die Russisch-europäische Union haben die Türkei aufgefordert, die Rechtsstaatlichkeit in der Post-Coup Razzia wieder einzuhalten.

Sicher ist, dass das Verhältnis der Türken mit den Vereinigten Staaten unter dem Putschversuch leiden wird ,weil es den USA nicht leicht fallen wird, Fethullah Gülen auszuliefern.

Dabei hat die Türkei schon mehrfach um die Auslieferung ersucht. Sie konnte aber bisher keinen ausreichenden Beweis für ein Fehlverhalten oder kriminelles Handeln erbringen.

Dieser Beweis ist mit Sicherheit auch schwer zu erbringen, da Gülen die Struktur seiner religiösen Gruppe zur Verfügung hat.

Incirlik ist zwar ein wichtiger Stützpunkt im Bereich der Koalition um gegen die ISIS und den IRAK zu kämpfen, er ist aber nicht unersetzbar.

Ausserdem wird sich die US Regierung darum bemühen, dass die Türkei ihr Versprechen, dass US Jets incirlik so wie seit Juni 2015 im Kampf gegen die ISIS, sowie die Hoheitsgewässer für Flugzeugträger weiter nutzen können.

Inklusio

Es gibt keinen Zweifel,d ass der Putschversuch misslungen ist und das Misslingen des Putsches die Macht Erdogans in der Türkei deutlich gestärkt hat.

Daher ist in der nächsten Zeit mit einem Referendum zur Änderung der Verfassung und der Stärkung der Rechte des Präsidenten gegenüber dem Parlament und der Gesellschaft zu rechnen

Noch ist es zu früh um zu sagen, ob Erdogan das Misslingen des Putsches gleichzeitig für Neuwahlen nützen wird oder nicht.

Denn zuerst erfolgt nun mit Sicherheit die „Säuberung“ des Militärs, der Justiz und der Wissenschaft.

Kontakt

ECFR Press Office: +44 (0) 2072276864 press@ecfr.eu

Weitere Informationen finden Sie auf http://www.ecfr.eu/about/donors

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